Mythen
Hier stehen verbreitete Behauptungen neben dem, was die Studienlage dazu hergibt. Das Urteil ist die Kurzantwort der jeweiligen Antwort, der Evidenzgrad sagt, wie gut es belegt ist. „Keine Evidenz“ heißt: zu dieser Behauptung gibt es keine Studie, die sie stützt, oder die Studien widersprechen ihr.
| Behauptung | Unser Urteil | Evidenz | Thema | Antwort |
|---|---|---|---|---|
| Sechs Krankheiten auf einmal, und das bei einem acht Wochen alten Baby: Der Sechsfachimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B gilt vielen Eltern als … | Nein, die Sechsfachimpfung überfordert das Immunsystem deines Babys nicht, denn es setzt sich täglich mit tausenden Keimen aus der Umwelt auseinander und bekommt mit der Impfung eine kontrollierte, kleine Menge Antigene. Impfreaktionen wie Rötung und Schmerz an der Einstichstelle oder Fieber kommen allerdings vor, klingen aber üblicherweise nach einigen Tagen folgenlos ab. | Moderate Evidenz | Impfen | Zur Antwort |
| Wer sein Kind impfen lässt, aber die empfohlenen Termine für zu dicht hält, bekommt oft den Vorschlag, den Impfplan zu strecken: einzelne Impfungen später geben, Kombinationsimpfstoffe in mehrere Einzeltermine … | Nein, Verschieben oder Aufteilen ist nicht schonender, denn es verlängert die Zeit, in der der Impfschutz noch nicht vollständig aufgebaut ist, und bedeutet mehr Termine und mehr Einstiche. Eine einmalige Verzögerung, nach der am Ende alle Dosen gegeben werden, war in einer großen Keuchhusten-Kohorte allerdings nicht mit einem höheren Erkrankungsrisiko verbunden. | Moderate Evidenz | Impfen | Zur Antwort |
| Die Behauptung lautet: Ab einer bestimmten Fieberhöhe, meist genannt werden 39 oder 40 Grad Celsius, ist ein Infekt so ernst, dass ein Antibiotikum her muss. Das Fieber gilt dabei als Messgerät für den Schweregrad, und … | Nein, die Höhe des Fiebers entscheidet nicht über ein Antibiotikum, denn die meisten fieberhaften Infekte bei Kindern werden nicht von Bakterien verursacht. Ein Antibiotikum hilft nur, wenn eine bakterielle Ursache gefunden oder begründet vermutet wird; die einzige Altersgruppe, in der Fieber selbst sofort zur Abklärung führt, sind Säuglinge unter drei Monaten. | Moderate Evidenz | Fieber & Infekte | Zur Antwort |
| Die Behauptung lautet: Ein Baby, das viel getragen wird und bei dem die Eltern auf jedes Weinen sofort reagieren, gewöhnt sich daran und fordert immer mehr. Es lerne nicht, sich selbst zu beruhigen, und werde dadurch … | Nein, im ersten Lebensjahr lässt sich ein Baby durch Tragen und prompte Reaktion auf Weinen nicht verwöhnen, und Tragen schadet nicht. Ob prompte Reaktion langfristig zu weniger Weinen führt, ist nicht gesichert. | Moderate Evidenz | Schlaf | Zur Antwort |
| Die Behauptung lautet: Wer sein Baby nachts weinen lässt, um ihm das Durchschlafen beizubringen, beschädigt die Bindung, überflutet das Kind mit Stresshormonen und legt den Grund für spätere seelische Probleme. Manchmal … | In den vorliegenden Studien schadeten graduelle Schlaftrainings ab etwa sechs Monaten weder der Bindung noch der Stressregulation noch dem späteren Verhalten. Die randomisierte Studie zur Bindung ist klein, misst Bindung grob, und unter sechs Monaten ist kein Nutzen belegt. | Moderate Evidenz | Schlaf | Zur Antwort |
| Unter dem Stichwort „Schlafregression“ kursiert die Vorstellung, dass Babys und Kleinkinder, die schon gut geschlafen haben, zu bestimmten, auf den Monat genau genannten Altern plötzlich wieder schlechter schlafen … | Dass Kinder in manchen Entwicklungsphasen vorübergehend wieder schlechter schlafen, beschreibt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, und zwei sehr kleine Studien fanden Veränderungen im Schlaf um neue motorische Fähigkeiten wie das Krabbeln herum. Feste Alter, in denen solche „Schlafregressionen“ bei allen Kindern kommen, sind nicht belegt, und eine Studie zum Begriff selbst haben wir nicht gefunden. | Keine Evidenz | Schlaf | Zur Antwort |
| Zwei Behauptungen stehen sich gegenüber. Die eine lautet: Das Familienbett ist gefährlich, Punkt. Die andere lautet: Das Familienbett ist die natürliche Schlafform, und die Warnungen richten sich in Wahrheit nur gegen … | Das Schlafen im Elternbett erhöht das Risiko für den plötzlichen Säuglingstod messbar, am stärksten in den ersten drei bis vier Monaten und wenn geraucht oder Alkohol getrunken wurde oder auf einem Sofa geschlafen wird. Ob ein Restrisiko bleibt, wenn keiner dieser Umstände vorliegt, beantworten zwei große Auswertungen derselben Art von Daten gegensätzlich. | Moderate Evidenz | Schlaf | Zur Antwort |
| Wer sein Baby nachts stillt, riskiert Karies an den Milchzähnen: Die Milch bleibt im Schlaf an den Zähnen liegen, und ihr Milchzucker ernährt Kariesbakterien wie jeder andere Zucker. | Im ersten Lebensjahr nein: Die systematischen Übersichten deuten überwiegend auf kein erhöhtes Kariesrisiko, eine sogar auf ein geringeres. Nach dem ersten Geburtstag ist häufiges nächtliches Stillen in Beobachtungsstudien mit mehr Karies verbunden, doch die Studien trennen es kaum von Zucker, Zähneputzen und Fluorid, deshalb bleibt dieser Zusammenhang schwach belegt. | Schwache Evidenz | Stillen & Flasche | Zur Antwort |
| Baby-led Weaning, auf Deutsch etwa „vom Baby geführte Beikost“, bedeutet: Das Kind isst von Anfang an selbst, mit den Händen, weiche Stücke vom Familientisch; auf Brei wird verzichtet. Die Behauptung, die im Netz und in … | Nein, eine Überlegenheit ist für keine der beiden Methoden belegt; die am besten untersuchte randomisierte Studie fand keinen Unterschied bei Gewichtsverlauf, Verschlucken und Eisenversorgung. Sie prüfte allerdings eine abgewandelte Form von Baby-led Weaning mit gezielter Beratung zu Verschluckungsrisiko und eisenreichen Lebensmitteln, nicht die freie Variante. | Moderate Evidenz | Ernährung | Zur Antwort |
| Bio gilt vielen Eltern als die sicherere und gesündere Wahl für ihr Kind: weniger Pestizide, mehr Nährstoffe, weniger Krankheiten. | Dass Bio-Essen dein Kind gesünder macht, ist nicht belegt: Keine der hier zitierten Übersichten enthält eine Studie, die bei Kindern einen gesundheitlichen Vorteil direkt zeigt. Belegt ist dagegen, dass Bio-Lebensmittel seltener Pflanzenschutzmittelrückstände enthalten und wer sie isst, weniger davon aufnimmt; das Bundesinstitut für Risikobewertung erwartet bei Rückständen unterhalb der gesetzlichen Höchstgehalte aber auch bei konventioneller Ware keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen. | Moderate Evidenz | Ernährung | Zur Antwort |
| Das Buch „Oje, ich wachse!“ und die zugehörigen Anwendungen sagen voraus, dass Babys in den ersten rund 20 Monaten zehn Sprünge durchlaufen, jeweils in eng umgrenzten Wochenfenstern, gerechnet ab dem errechneten … | Unruhige Phasen gibt es, der feste Wochenkalender aus dem Buch ist aber nicht unabhängig bestätigt: Der einzige unabhängige Überprüfungsversuch, den wir gefunden haben, verfehlte das Muster der zehn Phasen. Alle Studien dazu sind sehr klein, zusammen wurden 37 Kinder untersucht. | Keine Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Die Erzählung geht so: Bernstein enthalte Bernsteinsäure, diese werde durch die Körperwärme aus dem Stein gelöst, über die Haut aufgenommen und wirke dann entzündungshemmend und schmerzstillend. Deshalb solle die Kette … | Nein: Für eine schmerzlindernde Wirkung von Bernsteinketten gibt es keine Studie, und die deutsche wie die amerikanische Behörde raten wegen Strangulation und Verschlucken davon ab. Wie häufig solche Unfälle sind, ist nicht bekannt, denn die Behörden stützen sich auf Einzelmeldungen und nicht auf eine Statistik. | Keine Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Gemeint sind die fahrbaren Sitzgeräte, im Handel oft „Gehfrei“ genannt, in denen ein Kind mit den Füßen den Boden erreicht und sich damit fortbewegt. Die Behauptung lautet, ein Kind lerne darin schneller laufen und sei … | Nein: Die deutschen Fachempfehlungen raten von Lauflernhilfen ausdrücklich ab, weil sie das Gehenlernen nicht erleichtern und schwere Stürze ermöglichen. Dass sie die Bewegungsentwicklung sogar verzögern, stützt sich auf ältere Beobachtungsstudien, nicht auf randomisierte Studien. | Moderate Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Krabbeln gilt vielen als Pflichtstation: Wer diesen Schritt überspringt, so heißt es, überspringe etwas Wichtiges und müsse es später nachholen. Manchmal wird daraus die Aufforderung, ein Kind gezielt zum Krabbeln zu … | Nein: In der Bewegungsstudie der Weltgesundheitsorganisation krabbelten 4,3 von 100 gesunden Kindern nie auf Händen und Knien und lernten trotzdem frei zu gehen. Ob das Auslassen des Krabbelns spätere Folgen hat, ist allerdings nie eigens untersucht worden. | Moderate Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Über den Schnuller kursieren zwei gegenläufige Behauptungen, und beide werden Eltern früh gesagt. Die eine lautet: Ein Schnuller verdirbt das Stillen, weil das Baby an der Brust nicht mehr richtig saugt. Die andere … | Ein Schnuller zum Einschlafen ist mit einem niedrigeren Risiko für den plötzlichen Säuglingstod verbunden, und dass er bei gesunden reifgeborenen Kindern das Stillen verkürzt, ließ sich in randomisierten Studien nicht zeigen. Der Schutz stammt aus Fall-Kontroll-Studien und ist damit kein Beweis, und für die Zeit nach dem ersten Geburtstag kippt die Abwägung: Langer Gebrauch begünstigt Zahnfehlstellungen. | Moderate Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Wer mit zwei oder mehr Sprachen aufwächst, spreche später, spreche weniger und bringe die Sprachen durcheinander. Verbunden damit ist der Rat an Familien, jeder Person streng eine Sprache zuzuordnen. | Eine Sprachentwicklungsstörung verursacht Mehrsprachigkeit nach der deutschen S3-Leitlinie nicht, und sie erhöht auch nicht das Risiko dafür. In den einzelnen Sprachen kann dein Kind anfangs langsamer vorankommen und weniger Wörter haben; nach dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit ist das normal und gibt sich in der Regel. | Moderate Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Zahnen gilt als Erklärung für fast alles, was in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres schiefgeht: Fieber, Durchfall, wunder Po, schlechter Schlaf, Ohrenschmerzen. Der Zeitraum passt gut, denn die ersten Zähne … | Nein: Zahnen macht gereiztes Zahnfleisch, Unruhe, vermehrten Speichelfluss und allenfalls eine leicht erhöhte Temperatur, aber Fieber und Durchfall erklärt es nicht. Die Studien dazu sind Beobachtungsstudien mit sehr unterschiedlichen Definitionen, ihre Häufigkeitsangaben schwanken deshalb stark. | Moderate Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
| Zwei gegensätzliche Ratschläge sind im Umlauf. Der eine: An den Händen führen bringe das Laufen voran. Der andere: Es schade der Hüfte, der Wirbelsäule oder dem Gleichgewichtssinn, weil das Kind in eine Haltung gebracht … | Für einen Schaden durch das Führen an den Händen gibt es keine Studie, und die eine Untersuchung, die es eigens gemessen hat, fand weder einen Vorteil noch einen Nachteil für den Laufbeginn. Diese Untersuchung ist klein und rein beobachtend und kann deshalb weder Nutzen noch Schaden ausschließen. | Keine Evidenz | Motorik & Entwicklung | Zur Antwort |
In Prüfung
Diese Behauptungen stehen auf der Themenliste. Ein Urteil steht hier bewusst noch nicht: vor der Prüfung wäre es geraten.
- Können Impfungen Autismus oder Allergien auslösen? · Impfen
- Hängt der plötzliche Kindstod mit der Sechsfachimpfung zusammen? · Impfen
- Helfen Globuli und andere homöopathische Mittel bei Babys und Kleinkindern? · Fieber & Infekte
- Ist ein Glas Wein in der Schwangerschaft wirklich schädlich? · Schwangerschaft
- Erhöht Paracetamol in der Schwangerschaft das Risiko für ADHS oder Autismus? · Schwangerschaft
- Ist es besser, wenn mein Kind die Windpocken durchmacht, statt geimpft zu werden? · Impfen
- Kann ich die Wehen selbst anregen, etwa mit Himbeerblättertee oder Rizinusöl? · Schwangerschaft
- Brauchen Babys Kurse wie PEKiP oder Babyschwimmen für ihre Entwicklung? · Motorik & Entwicklung
- Muss ich in der Stillzeit auf bestimmte Lebensmittel verzichten, damit mein Baby keine Blähungen bekommt? · Stillen & Flasche
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