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Stand: 09.09.2026 · Version 4
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Impfen
Ist es schonender, Impfungen zu verschieben oder aufzuteilen?
Nein, Verschieben oder Aufteilen ist nicht schonender, denn es verlängert die Zeit, in der der Impfschutz noch nicht vollständig aufgebaut ist, und bedeutet mehr Termine und mehr Einstiche. Eine einmalige Verzögerung, nach der am Ende alle Dosen gegeben werden, war in einer großen Keuchhusten-Kohorte allerdings nicht mit einem höheren Erkrankungsrisiko verbunden.
Redaktionell geprüft, noch ohne Fachreview.
Die Behauptung
Wer sein Kind impfen lässt, aber die empfohlenen Termine für zu dicht hält, bekommt oft den Vorschlag, den Impfplan zu strecken: einzelne Impfungen später geben, Kombinationsimpfstoffe in mehrere Einzeltermine aufteilen, dem Immunsystem zwischendurch Pausen gönnen. Die Annahme dahinter: Weniger auf einmal bedeutet weniger Nebenwirkungen, bei gleichem Schutz am Ende.
Studienlage
Eine Überschreitung der empfohlenen Impfabstände schränkt die Wirksamkeit nicht ein, verzögert aber den Aufbau der Immunität. Eine Unterschreitung soll dagegen nicht erfolgen, weil die Wirksamkeit dann nicht gewährleistet ist.
Beim Verschieben ist entscheidend, ob am Ende alle Dosen ankommen.
In einer Kohorte von 316.404 Kindern aus King County im Raum Seattle hatten Kinder, die für ihr Alter zu wenige Keuchhusten-Impfdosen erhalten hatten, während der Grundimmunisierung ein 4,8-fach höheres Erkrankungsrisiko, mit einem Vertrauensbereich von 3,1 bis 7,6; in diese Teilauswertung gingen 298.166 Kinder ein. Für die erste Auffrischung lag das Risiko 3,2-fach höher, für die zweite 4,6-fach.
Quellen: JAMA Network Open 2021
Eine bloße Verzögerung, bei der am Ende die vollständige Dosiszahl erreicht wird, war in derselben Kohorte nicht mit einem höheren Erkrankungsrisiko verbunden: Das Risikoverhältnis lag bei 0,8, mit einem Vertrauensbereich von 0,3 bis 2,2; in diese Teilauswertung gingen 257.913 Kinder ein. Der Vertrauensbereich ist weit und schließt ein erhöhtes Risiko nicht aus.
Quellen: JAMA Network Open 2021
In einer Kohorte von 323.247 US-Kindern gab es im ersten Lebensjahr keinen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt einer Impfung und Krampfanfällen danach. Nach der ersten Masern-Mumps-Röteln-Impfung im Alter von 12 bis 15 Monaten war die Krampfrate 2,65-fach erhöht, mit einem Vertrauensbereich von 1,99 bis 3,55; bei Impfung erst mit 16 bis 23 Monaten lag sie 6,53-fach höher, mit einem Vertrauensbereich von 3,15 bis 13,53.
Quellen: Pediatrics 2014
Für den zweiten Teil der Behauptung, das Aufteilen, ist die Lage dünner.
Für die Behauptung, dass aufgeteilte Impfungen besser vertragen werden als ein Kombinationsimpfstoff, gibt es keinen Beleg. Das Robert Koch-Institut stellt das ausdrücklich fest: Die Frage ist also untersucht worden, und ein Vorteil des Aufteilens hat sich dabei nicht gezeigt.
Quellen: RKI 2026
Das Robert Koch-Institut kommt zum Gegenteil: Kombinationsimpfstoffe werden in der Regel genauso gut vertragen wie Einzelimpfstoffe. Weil weniger Termine und weniger Injektionen nötig sind, ist das Risiko für unerwünschte Reaktionen insgesamt geringer und es treten insgesamt weniger Schmerzen auf.
Quellen: RKI 2026
Kinder mit einer persönlichen oder familiären Vorgeschichte von Fieberkrämpfen oder Epilepsie sollen alle Routineimpfungen erhalten. Die Kombination bestimmter Impfstoffe kann das Fieberkrampfrisiko zwar erhöhen, ein Nutzen des Auseinanderziehens von Impfungen ist aber nicht nachgewiesen.
Für Tetanus, Diphtherie und Pertussis stehen in Deutschland keine Einzelimpfstoffe mehr zur Verfügung. Ein Aufteilen dieser drei Komponenten ist damit praktisch nicht möglich.
Quellen: RKI 2026
Urteil
Die Behauptung ist nicht belegt und in einem Punkt sogar widerlegt. Für den erhofften Vorteil, weniger Nebenwirkungen, gibt es keine Studie. Für die Kosten gibt es Daten: mehr Termine, mehr Einstiche, längere Zeit ohne vollständigen Schutz, und beim Verschieben der Masern-Mumps-Röteln-Impfung über 15 Monate hinaus ein höheres statt eines niedrigeren Krampfrisikos.
Eine wichtige Einschränkung ist ehrlicherweise zu nennen: Eine kurze Verzögerung, nach der alle Dosen nachgeholt werden, war in der großen Keuchhusten-Kohorte nicht mit einem höheren Erkrankungsrisiko verbunden; der Vertrauensbereich dieser Auswertung ist allerdings weit und schließt ein erhöhtes Risiko nicht aus. Wenn ein Termin einmal platzt, ist das also kein Grund zur Panik. Das Problem ist nicht die verschobene Impfung, sondern die, die nie nachgeholt wird.
Wenn dich die Zahl der Einstiche belastet, ist das ein guter Anlass für ein Gespräch in der Kinderarztpraxis über Schmerz- und Stressreduktion beim Impfen. Dafür gibt es anders als für den gestreckten Impfplan konkrete Empfehlungen.
Zur Schmerz- und Stressreduktion beim Impfen empfiehlt das Robert Koch-Institut unter anderem Stillen oder Nuckeln am Schnuller während der Impfung, eine süße Flüssigkeit für Kinder unter zwei Jahren, das Halten auf dem Arm oder Schoß und Ablenkung. In Einzelfällen können bei Kindern ab vier Monaten örtlich betäubende Pflaster oder Cremes eingesetzt werden.
Quellen: RKI 2023
Quellen
- Faktenblatt zum Impfen: 6-fach-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Poliomyelitis, Hib und Hepatitis B · RKI, 2026 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05
- Antworten des RKI auf häufig gestellte Fragen zum Impfen · RKI, 2026 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-07
- Association of Diphtheria-Tetanus-Acellular Pertussis Vaccine Timeliness and Number of Doses With Age-Specific Pertussis Risk in Infants and Young Children · JAMA Network Open, 2021 · Kohortenstudie · Stufe 3: Primärstudie · DOI 10.1001/jamanetworkopen.2021.19118 · abgerufen 2026-09-05
- Timely versus delayed early childhood vaccination and seizures · Pediatrics, 2014 · Kohortenstudie · Stufe 3: Primärstudie · DOI 10.1542/peds.2013-3429 · abgerufen 2026-09-05
- Vaccination and childhood epilepsies · European Journal of Paediatric Neurology, 2022 · Systematischer Review · Stufe 2: systematischer Review · DOI 10.1016/j.ejpn.2021.11.014 · abgerufen 2026-09-05
- Merkblatt: Schmerz- und Stressreduktion beim Impfen · RKI, 2023 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05
Versionshistorie
- v4 · 9. September 2026 · Effektmaß ergänzt und freigegeben. (Redaktion)
- v3 · 8. September 2026 · Freigabe-Anhang A Punkt 9a: phase von Hand auf baby gesetzt, weil die Frage „mein Baby“ sagt, bewusste Abweichung von der Rechenregel (Redaktion)
- v2 · 8. September 2026 · Kohortengrößen nach Review 2026-09-07 präzisiert (Redaktion)
- v1 · 5. September 2026 · Erstfassung (Redaktion)
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