Zum Inhalt springen
Eltern-Wiki

Eltern-Wiki · https://eltern-wiki.de/antworten/gibt-es-die-entwicklungsschuebe-aus-oje-ich-wachse-wirklich

Stand: 10.09.2026 · Version 2

Kein Ersatz für ärztliche Beratung. Im Notfall 112, ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117.

Motorik & Entwicklung

Gibt es die Entwicklungsschübe aus „Oje, ich wachse!“ wirklich?

Mythos-CheckKeine EvidenzAlter: 0 bis 20 MonateGeprüft am 10. September 2026

Unruhige Phasen gibt es, der feste Wochenkalender aus dem Buch ist aber nicht unabhängig bestätigt: Der einzige unabhängige Überprüfungsversuch, den wir gefunden haben, verfehlte das Muster der zehn Phasen. Alle Studien dazu sind sehr klein, zusammen wurden 37 Kinder untersucht.

Redaktionell geprüft, noch ohne Fachreview.

Die Behauptung

Das Buch „Oje, ich wachse!“ und die zugehörigen Anwendungen sagen voraus, dass Babys in den ersten rund 20 Monaten zehn Sprünge durchlaufen, jeweils in eng umgrenzten Wochenfenstern, gerechnet ab dem errechneten Geburtstermin. In diesen Fenstern seien Kinder anhänglicher, weinerlicher und schlechter im Schlaf, danach könnten sie etwas Neues.

Geprüft werden hier zwei Teile dieser Behauptung getrennt: erstens, dass es Phasen erhöhter Unruhe gibt; zweitens, dass diese Phasen bei allen Kindern in denselben, auf die Woche bestimmten Zeitfenstern liegen.

Studienlage

Die Grundlage ist eine sehr kleine Reihe von Untersuchungen aus den frühen neunziger Jahren.

Schwache Evidenz#a1

Die Ausgangsarbeit von van de Rijt-Plooij und Plooij erhob Fragebogen- und Interviewdaten bei 15 Müttern mit Kindern zwischen 0 und 20 Monaten, in einem prospektiven Längsschnitt. Sie berichtet, dass sich Konflikte zwischen Mutter und Kind in abgegrenzten, schwierigen Phasen häuften und dass diesen Phasen regressives Verhalten des Kindes vorausging.

Quellen: Journal of Child Psychology and Psychiatry 1993

Einspruch oder Ergänzung

Ein Hinweis zur Zuordnung gehört dazu: Das Muster der zehn eng datierten Wochenfenster steht nicht in der oben zitierten Arbeit von 1993, sondern in einer Parallelveröffentlichung derselben Gruppe von 1992. Wir konnten diese Arbeit am Prüftag nicht öffnen und führen sie deshalb nicht als Quelle; die Angaben zur Arbeit von 1993 sind davon nicht berührt.

Der Versuch, das Muster mit einer anderen Methode zu bestätigen, ist gescheitert.

Schwache Evidenz#a2

De Weerth und van Geert setzten sich zum Ziel, das Muster von zehn eng datierten Phasen emotionaler Instabilität zu bestätigen, das van de Rijt-Plooij und Plooij 1992 aus Mütterberichten gewonnen hatten, und zwar durch ethologische Beobachtung statt durch Elternangaben. Sie begleiteten vier Mutter-Kind-Paare 15 Monate lang wöchentlich. Ihr Ergebnis: Die Daten stützten das Muster der zehn Phasen nicht.

Quellen: British Journal of Developmental Psychology 1998

Einspruch oder Ergänzung

Eine spätere Arbeit kam zum gegenteiligen Schluss, benutzte dafür aber dieselben Instrumente wie die Originalstudie.

Schwache Evidenz#a3

Sadurní und Rostan untersuchten 18 Kinder in Katalonien, 10 Jungen und 8 Mädchen, im Alter zwischen drei Wochen und 14 Monaten. Sie verwendeten nach eigener Angabe das Vorgehen und die Instrumente von Rijt-Plooij und Plooij: einen von den Müttern ausgefüllten Fragebogen, ein wöchentliches halbstrukturiertes Interview und Beobachtungen zu Hause. Ihre Ergebnisse bestätigten die Existenz von Regressionsphasen im ersten Lebensjahr; die Übereinstimmung zwischen den Auswertenden lag bei 78,2 von 100, innerhalb einer Person bei 90,1 von 100.

Quellen: The Spanish Journal of Psychology 2002

Einspruch oder Ergänzung

Schwache Evidenz#a4

Eine Folgearbeit wertete die noch nicht analysierten Daten derselben 18 Kinder aus und fand acht Übergangsphasen im ersten Lebensjahr, die zeitlich mit den zuvor berichteten Regressionsphasen zusammenhingen. Frans Plooij, einer der Urheber der ursprünglichen Einteilung, ist Mitautor dieser Arbeit; sie ist damit keine unabhängige Bestätigung.

Quellen: The Spanish Journal of Psychology 2010

Einspruch oder Ergänzung

Rechnet man zusammen, was je untersucht wurde, bleibt wenig.

Keine Evidenz#a5

Für den festen Wochenkalender gibt es keine unabhängig bestätigte Grundlage. Die drei Arbeiten, die die Phasen überhaupt untersucht haben, umfassen zusammen 37 Kinder: 15 in der Ausgangsarbeit, 4 im gescheiterten Bestätigungsversuch und 18 in der bestätigenden Untersuchung, die dieselben Instrumente wie die Ausgangsarbeit verwendete.

Quellen: Journal of Child Psychology and Psychiatry 1993, British Journal of Developmental Psychology 1998, The Spanish Journal of Psychology 2002

Einspruch oder Ergänzung

Was dagegen gut belegt ist, ist die Streuung.

Moderate Evidenz#a6

Die Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben halten fest, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Kindern in dieser Altersspanne sehr groß sind, sowohl im Zeitpunkt als auch in der Reihenfolge und in der Ausprägung motorischer Fähigkeiten. Altersangaben zu Meilensteinen seien deshalb nur als Orientierungswerte zu sehen.

Quellen: Netzwerk Gesund ins Leben (BLE) 2016

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a7

Ein Phänomen, das dem beschriebenen Muster ähnelt, ist nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (vormals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) gut bekannt: Manche Kinder seien so mit ihren Gehübungen beschäftigt, dass sie in anderen Bereichen für eine gewisse Zeit nur wenige Fortschritte machen, etwa beim Sprechen. Das sei kein Grund zur Sorge; sobald das Kind sicher geht, entwickle es sich auch dort weiter.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2026

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a8

Dieselbe Stelle beschreibt, dass Eltern häufig schnell verunsichert sind, wenn ihr Baby seine Fertigkeiten scheinbar langsamer oder ganz anders entwickelt als gleichaltrige Kinder oder vermeintliche Rückschritte macht. Gerade auf dem Weg zum freien Gehen zeigten Kinder eine große zeitliche Spannbreite und vielfältige Formen der Fortbewegung.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2026

Einspruch oder Ergänzung

Urteil

Die beiden Teile der Behauptung fallen unterschiedlich aus.

Dass es Phasen gibt, in denen ein Baby anhänglicher, unruhiger und schlechter zu beruhigen ist und danach etwas Neues kann, beschreiben Eltern seit jeher und beschreiben auch die kleinen Studien. Der Grad dafür ist schwach, weil die Studien sehr klein sind und weil dieselben Mütter, die die Unruhe berichteten, auch die Fortschritte berichteten.

Dass diese Phasen bei allen Kindern in denselben Wochen liegen und sich vorhersagen lassen, ist nicht belegt. Der Gesamtgrad ist keine, weil a5 eine echte Lücke beschreibt: Es fehlt eine unabhängige Grundlage für den Kalender. Der einzige Versuch, das Muster mit einer unabhängigen Methode zu bestätigen, ist gescheitert, und die bestätigende Arbeit hat dieselben Instrumente wie das Original benutzt und wurde später mit dem Urheber der Einteilung fortgeführt.

Praktisch heißt das: Wenn dein Kind gerade schwierig ist, brauchst du dafür keine Wochenzahl. Nutze eine Schub-Vorhersage höchstens als Trost, nicht als Erklärung, und lass eine anhaltende Unruhe kinderärztlich abklären, statt sie einem Kalender zuzuschreiben. Wie du Auffälligkeiten in der Bewegungsentwicklung einordnest, steht in der Antwort zu den ersten Schritten.

Quellen

  1. Distinct periods of mother-infant conflict in normal development: sources of progress and germs of pathology · Journal of Child Psychology and Psychiatry, 1993 · Kohortenstudie · Stufe 3: Primärstudie · DOI 10.1111/j.1469-7610.1993.tb00981.x · abgerufen 2026-09-05
  2. Emotional instability as an indicator of strictly timed infantile developmental transitions · British Journal of Developmental Psychology, 1998 · Fallserie · Stufe 3: Primärstudie · DOI 10.1111/j.2044-835X.1998.tb00748.x · abgerufen 2026-09-05
  3. Regression Periods in Infancy: A Case Study from Catalonia · The Spanish Journal of Psychology, 2002 · Kohortenstudie · Stufe 3: Primärstudie · DOI 10.1017/S1138741600005813 · abgerufen 2026-09-05
  4. The Temporal Relation between Regression and Transition Periods in Early Infancy · The Spanish Journal of Psychology, 2010 · Kohortenstudie · Stufe 3: Primärstudie · DOI 10.1017/S1138741600003711 · abgerufen 2026-09-05
  5. Handlungsempfehlungen Säuglinge: Bewegungsausmaß · Netzwerk Gesund ins Leben (BLE), 2016 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05
  6. Die Bewegungsentwicklung beim Kind · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de, 2026 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05
  7. Vom Strampeln auf dem Weg zum Laufen: Bewegungsentwicklung im ersten Lebensjahr · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de, 2026 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05

Versionshistorie

  • v2 · 10. September 2026 · Redaktionell gelesen und freigegeben. (Redaktion)
  • v1 · 5. September 2026 · Erstfassung (Redaktion)

Nächste planmäßige Prüfung: 10. September 2027. Du hältst eine Aussage für falsch? Der Link „Einspruch oder Ergänzung“ steht an jeder Aussage, und jede Entscheidung darüber ist unter Einsprüche öffentlich.

Einsprüche zu dieser Antwort

Zu dieser Antwort liegt kein Einspruch vor.

Alle Einsprüche und Entscheidungen: Einsprüche

Einspruch oder Ergänzung

Du hältst eine Aussage für falsch oder kennst eine Studie, die fehlt? Schreib es hier hin. Wir brauchen dafür eine Quelle, sonst können wir es nicht prüfen. Was daraus wird, steht danach öffentlich unter Einsprüche, auch wenn wir deinen Einspruch ablehnen.

Maschinenlesbar: gibt-es-die-entwicklungsschuebe-aus-oje-ich-wachse-wirklich.json, siehe Schnittstelle und Nutzungsbedingungen.